Sieben Tage frei - ein erfahrungsreicher Selbstversuch ohne digitale Medien

(31. Mai 2015) Um einen bewussten und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien zu fördern, veranstaltet der Verein Outdoor Oberberg, in Zusammenarbeit mit der Wiehler Sozialstiftung, im Zeitraum von Mittwoch, 10. Juni bis Mittwoch, 17. Juni, die Aktion "Sieben Tage frei".
Intention des Projektes, das sich an Wiehler Bürger aller Altersgruppen richtet, ist es, den Teilnehmern durch den einwöchigen Verzicht auf Alltagsbegleiter wie Konsole, Computer, Tablet, Smartphone etc. die Erfahrung zu vermitteln, dass das analoge Leben, trotz Mediendistanz, erfüllt und reich sein kann. Zum Auftakt des Wiehler Experiments, an dem bereits 700 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Wiehl, der Bielsteiener Sekundarschule, die Grundschulen Marienhagen, Drabenderhöhe, Wiehl und Bielstein, sowie der freien christlichen Grundschule teilnehmen möchten, fand in der Wiehltalhalle eine Podiumsdiskussion statt, bei der Fachleute durch unterschiedliche Sichtweisen auf die Nutzung digitaler Medien, die vielschichtigen Aspekte des Themas transparenter machten.



Mit dabei Dr. Karsten Wolf, Leiter der Klinik für seelische Gesundheit in Marienheide, der Informatiker und Aktivist Daniel Bangert, Anna Thomas von der Caritas Suchtprävention, Noemi Hübner, Medienscout am Dietrich Bonhoeffer Gymnasium und Sven Schuh, von Outdoor Oberberg und Erfinder von "Sieben Tage frei". In seiner Begrüßung unterstrich Bürgermeister Werner Becker-Blonigen, auch in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Wiehler Sozialstiftung, die enorme Bedeutung von Selbstreflexion und angemessener Nutzung digitaler Medien. Sukzessive führten Neugierde, Gewohnheit und Kommunikationsbedürfnis zur Steuerung menschlicher Verhaltensweisen und zur Abhängigkeit von den vermeintlichen "Hilfsmitteln". "Sieben Tage frei" ermöglicht es sich abzukoppeln und zur Besinnung zu kommen.



Als Geschäftsführerin der Wiehler Sozialstiftung gab Angelika Stückemann Einblick in Zweck und Fördermaßnahmen der Einrichtung, die sich seit Gründung in 2012, neben der Unterstützung etlicher Einzelmaßnahmen, nun ein Projekt auf die Fahnen geschrieben habe, dass sich an einen größeren Adressatenkreis richte.



Der in Griesheim bei Darmstadt beheimatete Daniel Bangert berichtete von seinen samstäglichen "Spion-Safaris" zum geheimen Dagger Complex, die er seit Entdeckung des Überwachungsskandals der amerikanischen NSA, an deren Europazentrale organisiert. Die über facebook koordinierten Aktionen, an denen wöchentlich mehrere hundert Menschen teilnehmen und die bereits Polizei und Staatschutz auf den Plan riefen, möchten aus der Mitte der Gesellschaft heraus ein Zeichen gegen die allgegenwärtige Überwachung setzen. "Die Karikierung ist mein persönlicher Trotz, der mittlerweile dazu geführt hat, dass samstags im Dagger Complex scheinbar nichts mehr los ist". Mit jedem Zugriff aufs Internet träte man persönliche Rechte ab und liefere Daten an potentielle "Sammler oder Überwacher", führte Bangert dem Publikum die allgegenwärtige Datenerfassung vor Augen.



Vor seinem Erfahrungshorizont als Gehirnforscher, Mediziner und Vater zweier Söhne beleuchtete der Psychiater Dr. Karsten Wolf den Umgang mit digitalen Medien. "Die elektronischen Medien verändern die Welt, aber die Welt verändert auch die Medien", wies er darauf hin, dass gerade Heranwachsende nachhaltig durch die Nutzung der Geräte geprägt würden. Psychologisch betrachtet reagierten Menschen mit Angst und Neugierde auf neue Medien, wobei bei jungen Menschen, evolutionär begründet, tendenziell eher die Neugierde überwiege. Aus psychiatrischer Sicht sei die wichtigste Frage, welcher und wie viel Medienkonsum für ein Individuum schädlich oder förderlich sei. Pauschalisierungen seien fehl am Platze, wichtig sei allein die einzelne Persönlichkeit. Um mündige Mediennutzer zu prägen, müsse Medienkompetenz Teil der Erziehung werden. Untersuchungen zu Folge sind diejenigen Kinder am besten gegen Schädigungen gewappnet, die in sicheren familiären und gesellschaftlichen Bindungen aufwachsen, folglich nähmen alle "Erzieher und Vorbilder" Einfluss auf die digitale Welt von Morgen.



Als ehrenamtlicher Medienscout informiert DBG-Schülerin Noemi Hübner in Unter-und Mittelstufe über die angemessene Präsenz und den Umgang mit sozialen Netzwerken, hilft beim Einrichten sicherer Passwörter oder berät bei Problemen mit Facebook-Profilen. Allerdings sei das Problembewusstsein, digitale Spuren im Netz zu hinterlassen, bei vielen Nutzern noch gering. Dem pflichtete Anna Thomas von der Caritas Suchthilfe Gummersbach, vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung mit oberbergischen Schülern und Jugendlichen bei. "Je jünger die User sind, desto gedankenloser sind sie". Allerdings folgten sie oft nur ihren erwachsenen Vorbildern, die ebenfalls unbedacht private Daten ins Netz stellten. Als schwierig bezeichnete sie den Übergang zwischen der Medienabhängigkeit zur tatsächlichen Sucht, weshalb dies immer das zentrale Thema ihrer Gespräche sei.



Auf die Frage "Was haben wir davon?"antwortete Sven Schuh, Erlebnispädagoge und Initiator von "Sieben Tage frei", sehr direkt und freimütig mit "jede Menge Anstrengung, Stress und Arbeit. Patentrezepte haben wir nicht anzubieten". Allerdings tat er dies nicht ohne auf die positiven Effekte des Verzichts zu verweisen. "Die Teilnehmer entdecken die Zeit wieder neu, spiegeln ihre Gewohnheiten und machen die wichtige Erfahrung, wie fundamental die Digitalisierung unser Leben beeinflusst." Bewusst laute der Arbeitstitel des Projektes nicht "Sieben Tage ohne" sondern "Sieben Tage frei", um Raum zu schaffen für Familienaktivitäten, Angebote von Vereinen oder Outdoor-Unternehmungen. Entscheidend für den Erfolg der Aktion jedoch sei die elterliche Unterstützung und die Bereitschaft, individuelle Familienprogramme durchzuführen. Alternative Ideen und inspirierende Angebote für die medienfreie Woche präsentierten verschiedene Wiehler Vereine und Organisationen im Foyer der Aula. Ob Tanzschule, Sportverein, Yoga, Survival-Training, oder Schmökern- Langeweile braucht auf jeden Fall nicht aufzukommen. Die gesamte Freizeit-Programmübersicht ist unter www.siebentagefrei.de zu finden. (so)